Bird’s eye view
Ich sitze in einem Rosengarten, der noch nicht blüht, und weine mir die Augen aus. Nur so. Aus keinem andern Grund als jeden Tag. Ich wünschte, ich hätte einen anderen Grund. Etwas, das man unschuldigen Passanten entgegenhalten könnte. Ein weißes Tuch. Etwas, das gilt. Etwas, das alles entschuldigt, das es einem Erwachsenen erlaubt, in einem Garten zu sitzen und zu weinen.Etwas erinnert sich: Es gab schon einmal einen solchen Rosengarten, da gab es solche Gründe, da war einer gegangen, etwas erinnert sich hartnäckig, verzweifelt und bemüht: Es gibt so viele, richtige Anlässe, in einem Garten zu sitzen und zu weinen. Ich habe keinen Grund. Ich heiße Bosse, Bo Wilhelm Olsson, und sitze auf einer Bank in einem Park, aber ich habe keinen goldenen Apfel in der Hand und weine nur aus einem Grund: Das Land der Ferne ist nicht mehr.
Ich zähle die Tage bis zum nächsten Arzttermin. Zehn, zwölf endlose Tage noch. Ein letzter Versuch, ein nächster Versuch. Wenn sie nicht wieder etwas übersehen. Wenn sie nicht wieder etwas nicht verstehen. Ich zähle die Ärzte ab, die nichts verstanden haben, gar nichts, in den letzen zehn, zwölf Jahren. Eine Hand reicht schon längst nicht mehr.
Nach den letzten zwangseingeforderten Untersuchungen ist eigentlich völlig klar, was ich brauche, und auch warum, es ist ein gleichschenkliges Dreieck, und die Rechnung ganz einfach. Man hätte sie schon vor zehn Jahren lösen können, diese Gleichung. Diabetes hängt mit allem zusammen, Hashimoto macht alles schlimmer, Wechseljahre machen nichts besser, und ein zwei autoimmune Unbekannte gibt es immer wieder, jedes Jahr, wenn man sich nicht gut um sich kümmert.
Und ich kann mich nicht gut genug um mich kümmern. Auch wenn ich es versuche. Und so kümmere mich um das, was ich kann, und vor allem um meine Arbeit. Punkt. Aus. Ansonsten bin ich einfach müde. Entsetzlich müde. Und trotzdem bin da unter meiner grauen Hexenhaut noch immer ich, mit allen Flügeln, mit allen Klauen, mit allen Zähnen und allem Fell: Und ich will arbeiten. Ich will Menschen verändern. Ich will Geschichten schreiben und Lieder, wie immer, wie früher, ich will meine Nächte zurück, ich will ans Meer. Und ich will zeichnen lernen, damit ich nicht mehr warten muss darauf, dass jemand meine Texte versteht. Ich will so viel.
Aber alles, wozu ich in diesem Frühjahr noch tauge, ist dies: In einem Garten zu sitzen, der nicht blüht, und zu weinen, aus keinem andern Grund, als dass mein Blut nicht lauter zu atmen vermag, und nicht rot genug ist, mir einen anderen Garten zu suchen, der auch im Winter blüht.
