Connected Beaches
Die Beliebigkeit der Gedanken am Meer. Nichts verfestigt sich hier jemals. Alles ist Tidenland. Ich lasse die Kamera im Hause, nehme nur mit dem Handy dann und wann etwas mit. Es scheint mir so passender, in diesem Septembersommer, in diesem unverhofft grauen Wind.Die Unmöglichkeit überhaupt, etwas zu Ende zu bringen, in unseren mühselig um uns selber gezogenen Kreisen.
Unsere Sommer Momentaufnahmen. Schuss und Gegenschuss, mehr nicht.
H. ist gestorben. Guck, die Noldewolken, dort drüben, wie hübsch.
Wir reden über den Tod im Stehen beim Kartofffelschälen. Als ob er nie zuviel Raum haben darf. Schnitt. Schnitt. Schnitt.
Sie gestattet sich (uns?) nie mehr als einen Seufzer, einen einzigen Schrei. Abrupter Stimmungswechsel. Stimmenwechsel. Vielleicht ist es das, woran man später erstickt. An den tausend Stimmen, die es braucht, das Schweigen. Ich habe dich gefragt, damals. Du wärst früher gegangen, hätten wir dich gelassen. Der Tod ist nicht der Feind. Der Feind ist das Sterben und das Töten und die Einsamkeit zwischen den Farben.###
Wie der Wind die Sprachen wieder sortiert. Hier ist fast immer Deutsch. Hier ist Ostpreußisch.
Gniedsch. Gnatz. Bestkreetsche Marjell. Gnossen. Mossen. Hemske. Pungel und Pacheidel. Das weiche s. Die grobe Zärtlichkeit der alten Kindersprache Heimat.
Molsches Wetter heute. Jeden Tag sich mehr von der Zivilisation entfernen. Barfüßiges, sandfarbenes, nie ganz fremdes, weil nie in Frage gestelltes Idiom. Erst später, an der Universität verlernen, was sonst keiner versteht.
Wie die Sprachen aber auch immer hinter den Bildern liegen. Die Landemanöver der jungen Inselkrähen in den flatternden Silberpappeln. The young crows. Wie oft ich diesen ersten Satz schon geschrieben habe. Keins der Krähenmärchen hat deutsche Flügel. Und ich weiß immer noch nicht, warum. Deutsch wäre dunkel genug, vom Klang her, und verworren.
Die Verwirrung von Evernote auch, Donald ich die Sprachen wechsle. Sobald. Ähnlich der eines Füllers auf Papier.
###
I am reading the Book Thief. Kinder. Worte. Drittes Reich.
Second hand memories, it feels. There is no interior, nothing to see despite all the synesthetic efforts.
Da sind ein oder zwei Stellen, die ich fassen kann. Mehr nicht.
Die gefühlten Anachronismen. Pony tail. Klingt mir angelesen und falsch. Sie trugen Zöpfe und Kranz und Sonntags schwarzen Samt mit Mozartzopf. Das sind nicht meine Erinnerungen. Das sind nicht seine Erinnerungen.
###
Ich lege das Buch weg und mache mich an die Arbeit. Erinnerungen sind dunkles Moos. Ich kratze mit den Nägeln in den Fugen. Sonst hält uns nichts. Sonst hält da nichts.
Neben mir sitzt die letzte, die unsere Geschichte erzählen kann. Die eine, die die Namen noch kennt. Die Orte, die Wege, die Speisen.
Wir essen beide am liebsten Butterfranz wie Großmutter Liedtke. Butterfranz heißen hier Kieler. Woanders heißen sie Splitterbrötchen. Der Teig ist fast immer falsch und süß.
Wir suchen im Internet die Rezepte für Markstörtchen. Sie staunt darüber, was es alles zu finden gibt. Einen Moment lang zögere ich. Einen kurzen, versuchenden, verlockenden Moment. Und schweige. Wie immer.
Solange sie erzählt, und nicht redet, halte ich es aus. Solange sie einfach nur erzählt.
Ich schäme mich, sie dort hinein zu stoßen, wo ich nicht sehen kann. Kannst du auch schlafen, frage ich sie. Sie zuckt mit den Schultern. Aber die Filme, die sie drehen, über ihr Leben, die will sie nicht sehen.
###
Die Fluchtgeschichten. Jedes Jahr eine neue Station. Jedes Jahr ein neues Bild. Diesmal die lange Fahrt über Stettin. Die Namenlosen im Zug. Die junge Mutter neben ihr, mit dem toten Kind im Arm. Wie sie sie schicken, nach Essen suchen. Wie sie mit drei Scheiben Wurst zurückkommt, Zungenwurst. Wie sie in letzter Minute noch auf den Zug aufspringen kann, der sich schon in Bewegung setzt, wie Fremde sie an den Händen emporziehen.
Die Wolfskinder. Die verlorenen. Die, die es nicht geschafft haben.
Die anderen verlorenen Kinder, in der Schule.
Nein, sagt sie, da hat keiner etwas gesagt oder gefragt. Sie waren einfach nicht mehr da, sie und ihre Namen.
###
Die anderen Namen. Der Kurzwarenladen von Josefssohn an der Ecke. Schlüpfer, Knöpfe und Stoffe.
Cahiers & Leibelt in Königsberg. Erdbeerrosa und Türkis für die Hochzeit der Schwester.
Levi von der Mühle, mit den spärlichen roten Haaren, dem sie die Säcke wegziehen, in denen er das Mehl auffängt. Lernt ihr das in der Oberschule?, hat er sie immer nur gefragt. Er wirft sich vor einen Zug, bald, wenig später. Er ist einer von denen, die wissen, was kommt.
Abends schreibt sie für den Großvater, der eine Schreiblähmung hat, aber vom Schreiben lebt. Sie schreibt, sagt sie, bis ihr der Kopf auf die Seiten fällt. Manchmal hört sie etwas, im Halbschlaf, was sie nicht versteht.
Haun Se ab, Frolleinchen, hat er da immer wieder gesagt. Haun Se bloß ab.
Nein, sagt sie, ich wusste nicht, warum er das sagt. Ich habe es nur immer wieder gehört.
###
Die andere Seite der zehn Tage.
That sister thing.
Die Anmut, die fast hörbare Durchsichtigkeit der Dinge, das Zerbrechliche in allem, das du berührst, das Entfernte; nur einmal liegt deine Hand ganz warm auf meinem Fuß. Ich liebe dich sehr. Aber am leichtesten ist es immer, wenn auch du ein wenig zerbrichst.



