Brüderchen, Schwesterchen, Kinderkram

2011-03-12
Ich sehe mir an, was aus mir geworden ist. Augen altern nicht. Mein Körper stört mich nicht. Schilddrüse, Diabetes, Bioamine XYZ, dies und das, ich kann froh sein, dass es nicht schlimmer ist. Nur mein Lächeln gefällt mir nicht. Niemand sollte immer und auf allen Bildern lächeln. So ein Meike-Winnemuth-Lächeln ist das. Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass sie auch anders zu sehen gewesen wäre, letztes Jahr, ohne dieses gewinnende, weltumreisende Lächeln. Wie reist es sich ganz ohne Kamera? Wie reist es sich im Dunkeln? Aber das war letztes Jahr, und das war nicht ich.

Wenn man euch zusammenmischen würde, sagst du, deine Schwester und dich: Ihr sähet aus wie sie. Ich lächle nur. So sind wir nicht, sage ich. Ich will so nicht sein. Ich will überhaupt nicht sein wie irgendwer. Ich bin so gerne ich.

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Ick bin all hier.

Immer noch. Mein Körper sendet SOS-Signale, manchmal funkt er Stille, keiner kann ihn wirklich lesen, immer noch nicht. Ich übe mich in Schneeschrift. Früher habe ich deinen Namen im Dunkeln getastet, heute ist es ein anderer Name, einer, der mich im Traum zerfrisst. Im Traum: Dann ist alles immer noch ganz einfach. Ich sehne mich nach dir. Wenn ich aufwache, habe ich alle Namen vergessen. Wenn ich aufwache, messe ich meine Werte, spritze ich Insulin, nehme ich Cortisol, spritze ich Insulin gegen das Cortisol, hoffe ich auf das Beste, hoffe ich auf einen Tag, der sich den Regeln entsprechend verhält.

Manchmal wache ich auf und singe ein Lied, wie früher. Angus in the lock, Angus in the lock, und ich grabe meine Hände in einen Traum und ein Fell und rette ein Leben und weiß nicht, warum. So wie heute nacht. Dein Fell war sonnenwarm; und auch dein Blut unter dem Draht.

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Manchmal verreise ich nachts und mache Abenteuerurlaub. Manchmal wache ich um 4:00 auf und trinke eine Tasse Kaffee und esse eine Scheibe Brot mit Butter und Salz und sehe eine Folge Frasier. Manchmal esse ich Pizza. Oder Spaghetti. Eine Schale Oliven. Mehr als drei Kartoffeln. Pommes Frites. Ich Piratenprinzessin, ich. Die sonst schon an einem Stück Schokolade scheitert, oder an zehn Mandeln, oder einem Stück Käse, oder mehr als zwei Tomaten oder einem Linsengericht.

Don’t ask.

Manchmal wache ich auf, kurz bevor der Wecker klingelt und stehle mir zwanzig Minuten verdichteten Raum. Narben beseitigen, habe ich vor hundert Jahren fabuliert. Ich wusste nicht, wovon ich spreche. Und ich lächle in die Galgenbergkrähen draußen, die nach sechs Jahren immer noch fremdfedern, und ich bewege meine Hände im Dunkeln, um zu fühlen, ob es einen neuen Schmerz gibt.

Heute nicht. Gutes Kind.

Spätestens um 8:00 muss ich wieder funktionieren. Es dauert viel zu lange, jemanden zu erklären, was es bedeutet, wenn ich sage: Heute geht es mir schlecht.

Wenn ich in die große Stadt fahre, zu dir, lachst du über mich, weil ich meinen Verstand abgebe an deiner Tür. Ich lache zurück. Andere Waffen führe ich nicht mehr. Alles andere kostet viel zu viel Kraft.

Du hast dich verändert, sagst du oft. Du denkst jetzt immer zuerst an dich. Auch dann lächle ich nur. Geheimnisvoll, hoffe ich. Vergeblich. Aber ich gewinne den Wettbewerb Lächeln über 50 mit Leichtigkeit. Ich habe mich nicht darum beworben. Ich will so nicht sein. Ich will nichts mehr gewinnen. Ich will nichts mehr verlieren. Ich will nur noch sein. No more choices.

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Alle anderen Wettbewerbe (Hüfte/Taille/sichtbarer, lauter Erfolg) verliere ich von jetzt an. Ebenfalls mit Leichtigkeit. Ich bin eine so schlechte Verliererin. Ich will so sein, wie ich immer schon war: Verwirrt, verliebt, verwundet, verwundert. Ich will so sein, wie ich bin: Kinderklug, kreativ, begabt. Ich will so sein, wie ich hätte sein sollen, können, dürfen. All and only available light. Für mich, für andere. Aber selbst das ...

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Wir werden nun mal nicht, wie wir sind, ohne zu sein, wie wir waren.

Alles ist gut. Alles ist gut. Alles ist gut.

Nur manchmal, manchmal, manchmal: Habe ich entsetzliche  Angst. Dass sich nichts mehr ändert. Manchmal habe ich so entsetzliche Angst, dass ich nichts mehr ändern kann. Manchmal habe ich so entsetzliche, dunkelstahlblaue Angst, keinen Satz mehr ans Licht zu bringen, der mehr ist als eine Antwort auf Verwaltungsfragen. Manchmal habe ich so entsetzliche Angst, diese Kleinstadt ohne Flügelschlag nie wieder zu verlassen.

Ich bin chronisch krank. Das wird sich nicht ändern. Es ist nicht meine Schuld. Es ist nicht meine Schuld. Es ist nicht ...

Vor fünfzig Jahren wäre ich schon längst tot. Ich lebe von der Wissenschaft. Jeden Tag. Ich bin so dankbar. Jeden Tag. Aber das ist nicht alles, was ich bin. Das ist längst noch nicht alles, was ich bin. Das kann es doch nicht sein. Nur noch dankbar zu sein.

Wenn es soweit ist, dass ich nicht mehr atmen kann vor lauter Dankbarkeit, lächle ich in die nächstbeste Kamera. Sie sind so leicht zu betrügen, die Glas- und Plastikscheiben dieser Welt, und die Menschen dahinter. Keinen betrügt man leichter als euch.

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