Mercado. [Nowness, and a fish to sigh for.]

Ich will auf den Markt. Alle wollen auf den Markt, und einmal im Leben will ich tun, was alle tun. Dazu sind wir schließlich hier. Normalprogramm.

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Wir kommen von der Seitenlinie, der Fischlinie. Ich bin nicht sicher, was alt ist und was neu. Es kommt mir vor wie in der Zunfthalle in Moabit. Am Leben erhalten, was alle am Leben erhält. Warum nicht. Es gibt schlechtere Ambitionen.

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Es ist 15:00 Uhr. Wir sind lange oben gewesen in Monte, bei den Blumen, bei den träumenden Kois. Hier unten ist nicht mehr viel Leben übrig, nicht einmal mehr viel Tod. Ich stehe an den beiden Tischen mit dem schwarzen Degenfisch. Espada. Dem Fisch, um den sich hier alles dreht. Aphanopus carbo. Etwas Unsichtbares steckt in seinem Namen, etwas Verlorenes.

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Er lebt da, wo es am dunkelsten ist. In den unterseeischen Gebirgen, bis zu 2000 Metern Tiefe. Wenn er nur dort bliebe. Wenn er nur dort im Dunkeln bliebe. Wenn er nur nie aufstiege ans Licht, nachts, denn dort warten schon die Fischer auf ihn, warten seit hunderten von Jahren, warteten schon, als Europa noch keinen Namen für ihn hatte, und das Licht ändert seine Farbe von flammendem Kupferrrot ins Nichts. Wenn sie ihn dann häuten, ist er schneeweiß. Ein Schachbrett aus Fisch liegt vor mir; und er hat jeden Zug verloren. 

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Ich verliebe mich in seine Zähne, seinen starren Blick, sein stummes Schwarz. Aber das wusste ich schon vorher. Auch das gehört dazu: das Normalprogramm aushalten. 

Espada. Hier essen sie ihn, tagein, tagaus, mit kleinen Inselbananen, com batata, gegrillt, gekocht, gedünstet, paniert, mit und ohne Knoblauch, im billigsten Lokal, im hintersten Winkel, das müssen Sie essen, sagt man uns, davon lebt die Insel, sage ich mir, und ich esse ihn, ein-, zweimal, und er schmeckt wundervoll, fest, weiß, saftig, wie es Fische nun einmal tun, die ihren Preis haben. Es ist schwer, ihn nicht essen zu wollen. Er wehrt sich mit Schwermetall. Aber danach fragt keiner hier.

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Hier ramscht man ihn heraus zum Preis von zwei Buletten. Und ich schäme mich vor diesem Jäger ohne Schuppen und mache ihn zu einem Muster für mich, aber nicht zu einem Muss. 

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Nebenan liegt noch ein Rest Bacalhao, aber ich habe den Appetit verloren, auch am Zusehen.

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Wir gehen eine halbe Treppe zu Gemüse, Obst und Hülsenfrüchten. Vielleicht ist es hier besser.

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Aber es ist auch hier wie immer. Das Kunterbunte ist es nicht, ich finde keinen Halt in der Vielfalt, ich suche und weiß, wenn ich hier jemanden fotografiere, komme ich mit dem Ergebnis nicht zurecht. Sie leben davon, was sie tun. Ich würde ja etwas bezahlen wollen, und dann wäre vermutlich alles gut, für ein paar Münzen, aber alles wäre anders als vorher, steifer, fremder, und ich stehle ihnen ein paar trotzige Augenblicke, weil ich diese Menschen besser sehen will, aber eben genau das will ich ja nicht: Sie bestehlen. 

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Ich will immer nur dieses eine, geschenkte Licht. Verdammtes, ewiges ethisch-melancholische Dilemma. Ich werde niemals Gesichter sammeln können. Egal, wie hungrig ich nach ihnen bin. Egal, was andere davon hätten. Manche Geschichten kann ich nicht. Egal, wie sehr ich sie liebe. Lass uns nach oben gehen, sagst du, weil du mich lesen kannst, wie sonst keiner.

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Und oben ist es eben auch wie immer. Auf der Galerie finde ich, was ich suche, aber nicht erwartet habe, zu meinen Füßen. Und alles ist gut. Und auch das Licht flüstert: Alles. Ist. Gut. Wie klein sie sind, diese Inseltauben, wie sauber, wie schön. Unten am Meer finde ich sie wieder, in ihren Höhlen. Dort, wo sie zuhause sind. Es sind Felsenvögel. Luftläufer. Piratenkinder.

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Ich habe Hunger, sage ich, und alles ist gut, wenn ich Hunger habe, und wir fallen in zwei Touristenkorbstühle auf dem Dach und essen Touristenessen.

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Es gibt genau zwei Sorten Wein, weiß und rot. Tinto. Branco. 

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Und acht Sandwiches. Und ich muss genau zwei Entscheidungen treffen (Rot//Käse, Schinken,Tomaten, Kräuter) und muss mich um niemanden sorgen. Nicht einmal um mich. 

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Wenn nur immer alles so einfach wäre.

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Als ich gehe, frage ich, was ich da getrunken habe, und der junge Kellner weiß es nicht, aber er holt den Geschäftsführer, und der holt die Flasche und wir lesen zusammen das Etikett. Einen Preis hat er auch bekommen, sagte er, in bestem Englisch, an award, und ich bin so daheim auf dieser Dachterrasse mit crisps ready salted und englischem Akzent und Blick in die Wäscheleinen und Jalousien einer fremden Stadt wie schon lange nicht mehr, noch beim Gehen, und ich vergesse dabei völlig und für immer, ob es nun ein Quinto, Quintas, oder Quintos war.

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Lassen wir doch heute einfach alle Fünfe gerade sein. 

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Who cares. I can always come back. Morgen schon. Was für ein wunderbarer Gedanke. Ich kann wiederkommen. Ich begreife das erst jetzt, hier. Schon die Rechnung ist von übermorgen. Wir sind zurückgekommen. Vielleicht ist es ja das, warum alle anderen immer so viel reisen: Um vielleicht irgendwann einmal wieder zurück zu kommen.

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Ick bin all hier

Später, Stunden später, im Hotel, das ältliche Ehepaar an der Rezeption: We know you, sagen sie zu Silva, der ewig mürrischen Königin der zona turistica. We have been here before. We have been trying to come back for eight years. The time was never right. Now we are here.

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Up and away #4 Vertigo

Man muss der Angst den Atem nehmen, predige ich anderen und mir immer.  Ich habe seit Tagen nur eine Angst: Was mein Körper sich für den Flug ausdenken könnte.

Sobald ich erstmal dort bin, ist alles gut. Ich will ja nur nicht hin. Ich wäre so gerne schon dort. Dort macht mir nichts Angst. Nicht zuviel jedenfalls. Von dort habe ich eine blaugrüne Vorstellung.

Und ich will einen Lorbeerwald in meinem Leben und fünfundzwanzig Wasserfälle und neue Erinnerungen und zum Teufel mit Vertigo und Seekrankheit und autoimmuner Panikmache, mit Schuh- und Kleiderplanlosigkeit und allen What-ifs. Und ich schlucke Vitamin C wie ein skorbutkranker Pirat, zusammen mit B6, Antihistamin und Ingwer dämpft das das Schlimmste ab. Den Rest muss das Atmen übernehmen, wie immer, und die Playlist. Und dann träume ich vom Fliegen, endlich, endlich, vielleicht bin ich doch eingeschlafen, und als eine Krähe durchs Cockpit sieht, im Traum, und wir gemeinsam landen, weiß ich, alles wird gut. Fliegen ist wie Vorträge halten, murmele ich eins meiner anderen Credos. Man muss nur wissen, wo man hinwill. Der Rest findet sich. Und ich weiß, was ich will, und wohin, und morgens liegt ein Video im Postfach und es ist genau das richtige, und jetzt werde ich doch noch die alten Lieblingsschuhe raussuchen. Meine Fliegerschuhe. Die Bergziegenschuhe. Nur so. Für alle fünfundzwanzig Wasserfälle. 

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Up and away #1

I want to sit in a hotel at a huge desk overlooking the ocean and make comforting coaching calls and write uncomfortable children’s books. Sometimes, when I feel like it, I will dare write and say nothing at all. I will just stare at, and take photographs of, the changing blues and hues heave and sigh. Perhaps I will ask the waiter for a dish, or drink, I haven’t tried. But mainly, I will just breathe...

Mad_reids

Und dann wird es Ernst, und aus ein paar hingeworfenen Sätzen und Versprechungen und Katzenträumen eine Kurzreise für zwei. Und mir ist schlecht, schon jetzt, Histaminintoleranz hat Reisekrankheit mit im Gepäck, egal ob Taxi oder ICE, und ich bin schon so lange nicht mehr geflogen, nicht seitdem ich das Fliegen hingeworfen habe, auch wieder so eine eine halbe Geschichte ist das, eine halbe Ausbildung, ein perfekter Flug, mehr nicht, und was ist wenn, und wohin überhaupt, und eigentlich habe ich keine Zeit, aber Zeit ist auch so etwas, was man sich zurecht biegen kann, oder wie eine Schlinge um den Hals arrangieren, in zierlichen Falten. Ich arrangiere mich noch immer längst nicht gut und gerne genug.

Und dann finde ich doch etwas und ich glaube, so ist es gut. Nah genug. Preiswert genug. Blau genug. Warm genug für dich. Nicht zu warm für mich. 22 Grad sind meine Grenze, alles anderes ist Tierquälerei.

Eine Insel ohne Strand. Eine Stadt ohne Nachtleben. Dafür Delphine, Eidechsen und der seltenste Seevogel Europas. Nicht  zu überlaufen. Nichts für hippe, anstrengende Menschen. Nebel auf den Bergrücken. Maronen, Wein, Brot, Käse, Fisch. Eine Treppe ins Meer vom Hotel. Ich denke, hier passe ich hin. Mehr will ich nicht.

Aber ich liege wach, jetzt schon, nächtelang, und plane alles, was ich nicht wirklich planen kann, weil es andere für mich planen müssen. Vom Taxi bis zum Handgepäck. Wie wenig ich das kann, jetzt, immer. Abgeben. Loslassen. Und dann, irgendwann nachts um 3:00 Uhr, nach der dritten schlaflosen Nacht. Finde ich das Ziel, von dem ich nicht wusste, dass es eins ist. Und ab da ist alles gut. Und ich weiß, das ich das hier wirklich will. Genau so. Und nur so. 

Scones mit dicker Butter. Scones mit Meeresblick. Afternoon Tea auf den Klippen. Für ein paar Tage das Gefühl hätscheln, noch einmal, noch immer, alles tun und lassen zu können, was ich will. Solange das Insulin reicht.

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